Wie ein smarter Investor zu den Wildbienen kam

Martin, als erfahrener Venture Capital / Private Equity Investor hast du jahrelang mit
Anlage-Millionen jongliert. Heute als operativer CEO von Wildbiene + Partner trägst du die
Verantwortung für Millionen von Wildbienen, die jedes Jahr Blumen und Obstbäume
bestäuben. Wie kam es zu diesem Richtungswechsel?

Dieser Wechsel lässt sich wahrscheinlich primär damit erklären, dass ich persönlich nach einer
intensiven Zeit als Investor nicht mehr nur mit und für das Geld arbeiten wollte. “Natural capital”
ist das Schlagwort, das mich motiviert. Es geht also um eine Investition in die weltweiten
Bestände an Naturgütern, zu denen Geologie, Boden, Luft, Wasser und alle Lebewesen gehören.
Bei den Bienen sprechen wir von einer der wichtigsten Ressourcen. Es könnte schon bald zur
Realität werden, dass eine Million Bienen mehr wert sind als eine Million einer heute gängigen
Landeswährung.

Wie kommt ein Finanzinvestor auf die Idee, in ein Wildbienen-Unternehmen einzusteigen?

Vor fast einem Jahrzehnt hat mich – wie vielleicht viele andere Menschen in unseren
Breitengraden auch – der Dokumentarfilm “More Than Honey” von Markus Imhoof berührt. Bald
darauf habe ich die beiden Gründer des ETH-Spinoffs Wildbiene + Partner getroffen, und wir
haben uns auf Anhieb gut verstanden. Ich habe mich zuerst als Angel-Investor an der jungen
Firma beteiligt und bin heute operativ als CEO dabei. In einem Wachstumsunternehmen
mitzuwirken, ist sehr spannend. Ich mag die kurzen Entscheidungswege in einem kleinen Team,
schätze die Innovation und versuche stets, mich nebst dem operativen Tagesgeschäft auch auf
die grösseren Zusammenhänge – “the big picture” – zu konzentrieren. Gleichzeitig wandeln wir
als Firma wie auch als Mitarbeitende emotional immer mal durch tiefe Täler, bevor wir wieder
schwindelerregende Höhen erreichen. Das liegt in der Natur eines Start-ups, das die
verschiedenen Reifephasen durchlebt. Man erlebt dies sehr viel intensiver, wenn man zum
Management einer Firma gehört, als in der Rolle als Investor. Trotz meiner bisherigen Erfahrung
auf “beiden Seiten des Tisches” kann ich immer dazulernen und gleichzeitig zum Wachstum
beitragen.

Du wolltest nach fast zwanzig Jahren als Investor endlich wieder operativ in ein Unternehmen
einsteigen. Was hat dich an Wildbiene + Partner denn so gereizt?

Ich bezeichne mich als “Entrepreneur at heart”. Mit 18 Jahren gründete ich, noch als
Kantonsschüler, meine erste Firma, mit der ich amerikanische Getränke importierte. Das war 1994. So habe ich bereits relativ früh erste wertvolle Erfahrungen mit einem eigenen Geschäft
sammeln dürfen. Mit Wildbiene + Partner bot sich nicht nur eine attraktive Investition verbunden
mit einer “Herzensangelegenheit”. Es reizte mich auch, wieder operativ mitzugestalten. Es geht
um “more than money”. Wir haben auf unserem Planeten zunehmend Schwierigkeiten aufgrund von Klimaveränderung, Monokulturen, Parasiten und Krankheiten, was unter anderem zu einem
Massensterben bei Insekten führt. Wir sind als Firma daran, aktiv etwas dagegen zu tun. Wir
bauen zum Beispiel momentan die grösste Population von Solitärbienen – genauer Mauerbienen
– durch natürliche Vermehrung aus. Gleichzeitig führen wir einen neuen, nachhaltigen Bestäuber
in die Industrie ein, der nebst Honigbiene und Hummel einen wichtigen Beitrag zur
Lebensmittelsicherung beitragen wird; zumal ein Drittel unseres Essens von der Bestäubung
abhängt. Die Mauerbiene hat im Vergleich zur Honigbiene natürliche Fähigkeiten. Sie fliegt zum
Beispiel bei tieferen Temperaturen, kann beim Blütenbesuch eine höhere Bestäubungsrate
vorweisen oder bewegt sich in einem kleineren Radius. Das macht sie gemäss einer Studie bis
zu 300-mal effizienter.

Was ist euer Geschäftsmodell?

Wir halten die Bienenkokons bei uns über den Winter fachgerecht im Kühlschrank und
inkubieren diese im Frühling, abgestimmt auf die Blühzeiten der verschiedenen Kulturen. Somit
bieten wir einen “Bestäubungsservice auf Abruf” für den professionellen und nachhaltigen
Obstanbau. Zudem steht die Biodiversität im Mittelpunkt unseres Handelns. Wir laden alle dazu
ein, selber ein paar freundliche Mauerbienen bei sich zu Hause in einem BeeHome willkommen
zu heissen und den Garten oder Balkon mit bienenenfreundlichen Wildblumen zu bestücken.
Unsere Bemühungen betonen den grossen Unterschied, den kleine Massnahmen für ein
bestäuberfreundliches Umfeld bewirken können. Es geht also nicht nur darum, der Natur durch
Schutz Sorge zu tragen, sondern eben proaktiv etwas für sie zu tun. Wir haben die
Verantwortung, dies auch unseren Kindern weiterzuvermitteln. Weshalb nicht durch die
Botschafterin Wildbiene?

Wildbiene + Partner ist nicht in erster Linie – aber auch – ein gewinnorientiertes Unternehmen. Stört dich die Kritik, dass ihr mit Insekten Geld verdienen wollt?

Die klassische Honigbienenzucht ist Jahrtausende alt und bewegt sich heute in einem
Marktbereich von über zehn Milliarden Schweizer Franken. Es ist deshalb unangebracht, durch
Kritik mit Kanonen auf Spatzen zu schiessen, zumal wir gerade versuchen, mit einem neuen,
ergänzenden Ansatz zur Bestäubungssicherheit beizutragen. Wer uns kritisiert, kennt meistens
nicht einmal die halbe Wahrheit darüber, wer wir sind und was wir alles machen. Wir sind längst
nicht die Einzigen, die sich im Markt mit “beneficial insects” behaupten. Doch wir sind
einzigartig, weil wir auf nachhaltige und natürliche Vermehrung setzen und zum Beispiel im
Verbreitungsgrad unserer Wildbienen biogeografische Zonen beachten.

Ihr habt starke Investoren im Rücken, erwirtschaftet aber noch keinen Gewinn. Kann man mit
Wildbienen überhaupt Geld verdienen?

Unsere Investoren sind bis anhin mehrheitlich Private und Family Offices, die längst erkannt
haben, dass ihr “Impact Investment” nicht einfach möglichst schnell den grössten Profit
abwerfen soll. Vielmehr geht es darum, nachhaltig einen grossen Einfluss durch einen
Paradigmenwechsel zu erreichen. Der Begriff Paradigmenwechsel trifft bei den Wildbienen
insofern sehr gut zu, als dass zwar über Jahrzehnte wissenschaftliche Studien mit Mauerbienen gemacht wurden, aber noch nie jemand im grossen Stil mit einer Investition diese überlegenen
Bestäuberinnen mit einem spannenden Geschäftsmodell in die Praxis eingeführt hat. Die
Gewinnzone zu erreichen, ist wichtig. Doch geht das meistens auf Kosten des
Top-Line-Wachstums. Der Firmenwert kann dementsprechend nicht nur aus dem Ertragswert
abgeleitet werden, sondern besteht auch aus dem Substanzwert, also aus den Wildbienen, und
dem Alleinstellungsmerkmal der strategischen Positionierung. Es gibt meines Wissens keine
andere Firma in dem Bereich, die sich so einzigartig mit einer stetig wachsenden
Mauerbienenpopulation positioniert. Bis anhin sind über fünf Millionen Franken an
Investorengeldern in die Expansion der Firma eingeflossen; und wir planen nächstens eine
weitere Finanzierungsrunde. Diese soll auch für Kleininvestoren zugänglich gemacht werden.
Eine Investition in Naturgüter kann nicht nur nachhaltig, sinnvoll und gut für die Diversifikation
eines Portfolios sein, sondern man kann – über Zeit – auch Geld damit verdienen. Das ist meine
persönliche Überzeugung.

Wie haben sich Umsatz und Ergebnis seit deinem Einstieg entwickelt? Was sind eure finanziellen Ziele?

Wir sind etwas zurückhaltend, öffentlich genaue Zahlen zu kommunizieren. Um es grob zu
umschreiben: Wir bewegen uns im Umsatz immer noch im einstelligen Millionenbereich. Wir
konnten aber dank einer starken BeeHome-Community, die momentan circa 170’000 Mitglieder
zählt, während der letzten Jahre ein Umsatzwachstum CAGR von circa 25 Prozent verzeichnen.
Das ist erst der Anfang, denn das Thema bleibt topaktuell. Wir haben einen starken
Lösungsansatz und expandieren in den umliegenden europäischen Ländern und den USA, wo
der Markt riesig ist. Dabei ist uns klar, dass wir nicht alles gleichzeitig und sofort machen
werden. Wir wägen sorgfältig ab einerseits zwischen der Investition in die wachsende
Wildbienenpopulation, der operativen Verbesserung und dem Marketing für stetiges
Umsatzwachstum und andererseits den ambitionierten Expansionsplänen.

Wildbiene + Partner beschäftigt momentan in Zürich und den Tochterunternehmen in
Frankreich, Deutschland und Italien circa 22 feste Mitarbeitende und dutzende Saisonkräfte.
Zugleich wächst der Bestand an Wildbienen von Jahr zu Jahr. Wo liegen die Grenzen des
Wachstums für euch?

Eine Deckelung setzt uns sicher die Vermehrungsrate der Wildbienenpopulation. Denn
Mauerbienen vermehren sich nur einmal jährlich. Die Wachstumsgrenzen setzen wir uns zum
Teil aber auch selber, da wir nicht schneller laufen sollten, als wir Kraft haben. In anderen
Worten sind wir als kleine Firma bereits wie ein Mini-Konzern in verschiedenen Länder
unterwegs und müssen deshalb überlegt vorgehen.

Werden in zehn Jahren immer noch Wildbienen das Kerngeschäft von Wildbiene + Partner sein?

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Firma dann nicht mehr Wildbiene + Partner heissen
wird, sondern die grundverschiedenen Einheiten bereits in Käuferfirmen eingebettet sind. Dies
vorausgeschickt, wird der Kern immer noch aus Wildbienen bestehen, vor allem in der professionellen Bestäubung für frühblühende Kulturen im B2B-Bereich. Im BeeHome-Bereich –
also B2C – werden wir bereits in den nächsten 24 Monaten die Biodiversität als Ganzes
adressieren. Das heisst konkret: Alle, die sich dafür interessieren, mehr für die Artenvielfalt von
Tieren, Pflanzen und Lebensräumen zu tun, finden bei uns Inspiration für ihr Handeln – im
Grossen und Kleinen auf dem eigenen Balkon im Siedlungsraum oder im Garten in ländlicher
Gegend. Hier geht es um die Frage: Welche Pflanzen und Nistmöglichkeiten bieten wir unseren
Tieren in der Natur, wenn wir ihnen vermehrt ihren Lebensraum wegnehmen? Das BeeHome
inklusive friedlicher Mauerbienen ist das ideale Starter-Set, um das wichtige Thema mit
Selbstverantwortung anzugehen. Dafür muss man weder selber Spezialistin oder Spezialist sein
noch sich viel Zeit dafür nehmen.

Ihr seid bekannt für die Wildbienen-Häuschen BeeHome, bei denen Mauerbienenkokons im Preis enthalten sind. Wie viele BeeHomes hast du bei dir zu Hause? Für jedes Kind eines?

Nein, ich habe mehr als sechs BeeHomes zu Hause! (lacht) Ein paar dienen rudimentären
Versuchszwecken, die anderen werden im Frühling – also in der Flugsaison der Mauerbienen –
stark frequentiert. Trotzdem wimmelt es nicht von Insekten bei uns am Esstisch im Garten.
Denn Mauerbienen interessieren sich nicht für Süsses oder Salziges auf dem Tisch. Es gibt
zudem viele andere Wildbienenarten, die sich auch im Sommer vermehren und ebenfalls im
BeeHome nisten. Es ist, wie wenn man ein pflegeleichtes Haustier hat, ohne dass man dafür
etwas tun muss. Das Beobachten aus der Nähe lehrt mich immer wieder, die Natur und unsere
Wildbienen zu schätzen.

ZUR PERSON MARTIN RUETZ
Martin Ruetz, CEO von Wildbiene + Partner, hat einen Bachelor of Business Administration der Zürcher GSBA und ein Diplom der Handelsmittelschule. Bis 2014 war er Mitglied des
Private-Equity-Teams der Partners Group AG in Baar-Zug, Schweiz sowie Mitglied des Private
Equity Secondary Investment Committees. Er trat 1999 in die Partners Group AG ein und verliess das Unternehmen nach 14 Jahren als Senior Vice President. Zwischen 2005 und 2008 lebte er in Grossbritannien, um beim Aufbau der Präsenz von Partners Group (UK) Ltd mitzuhelfen. Er war Mitglied mehrerer Beiräte europäischer Private-Equity- und Risikokapital-Fonds. Martin Ruetz leitete im Auftrag des Unternehmens auch die gemeinnützigen Aktivitäten für die Partners Group auf globaler Basis. Bevor er zur Partners Group kam, gründete er ein Import- und Einzelhandelsunternehmen und war Vertreter von CMC Taste America. Er ist verheiratet, Vater von sechs Kindern und lebt in der Nähe von Zürich. Seine Freizeit verbringt er mit der Familie und beim Joggen.